Gift, Kosten und Hunger

Weniger Gift, Weniger Kosten, Weniger Hunger

Warum die Agrarindustrie vor allem sich selbst hilft – und Pflanzen, Tiere und Menschen bedroht. Ein Plädoyer für eine giftfreie Landwirtschaft. Von Josè Lutzenberger, Träger des Alternativen Nobelpreises.

Statt Schädlinge mit allen Mitteln zu bekämpfen, gilt es, die Pflanzen zu stärken. Diese These vertrete ich seit Jahren, und ich sehe sie täglich neu bestätigt: Gift im Grundwasser, Schadstoffe in der Nahrung, Rinderwahn, Schweinepest – die moderne Landwirtschaft wirft immer längere Schatten. Noch bis zur Jahrhundertwende war der traditionelle bodenständige Bauernhof ein „sich selbst versorgendes System“ für die Produktion und Verteilung von Nahrungsmitteln. Er stellte seine eigenen Rohstoffe, seinen Dünger, seine Energie und sein Saatgut her. Was der Bauer mit seiner Familie nicht selbst verbrauchte, verkaufte er auf dem Wochenmarkt. Inzwischen ist es der Industrie gelungen, der Landwirtschaft den größten Teil ihrer Aufgaben abzunehmen. Deshalb mussten so viele Bauern aufgeben – ein Prozess, der noch nicht abgeschlossen ist. Geblieben sind den Landwirten vor allem große Risiken: der teure Maschinenpark, das Streuen von Gift, Missernten, steigende Preise für Düngemittel bei fallenden Preisen für Nahrungsmittel. Die Methoden der modernen Landwirtschaft wurden nicht von den Bauern erfunden und gefördert, sondern von der Großindustrie. Es gelang ihr, landwirtschaftliche Hochschulen und besonders die Forschung zu vereinnahmen. Wo sie die öffentliche Beratung nicht beherrscht, macht sie ihre eigene Beratung direkt bei den Bauern. So kam es zu einer rabiaten Anwendung von Giften in der Landwirtschaft. Im Zuge dieser

Industrialisierung der Landwirtschaft

hat sich ein eigenartiges Dogma durchgesetzt. Es besagt, dass eine effiziente und wirtschaftlich interessante Erzeugung von Nahrungsmitteln nur möglich sei, wenn die „Feinde“ unserer Ernten chemisch bekämpft werden. Nur so könne man die Milliarden Menschen auf der ganzen Welt noch ernähren. Doch das ist eine arge Täuschung, die man schnell entlarven kann. Früher, als die Hühner frei auf dem Hof herumliefen und sich von Regenwürmern, von Heuschrecken, von anderen Insekten oder von Körnern ernährten, brachte das Huhn den Menschen viel Ertrag bei geringem Aufwand: Eier und Fleisch. Heute bekommen die Hühner auch im armen Brasilien – Nahrung, die eigentlich menschliche Nahrung ist und damit dem Menschen fehlt: Weizen, Gerste, Hafer, Hirse oder Soja. Inzwischen wird auf den großen Hühnerfarmen von Amazonien Trockenmilch aus der Europäischen Union verfüttert – während nebenan in den Slums die Kinder verhungern. Summiert man den extrem hohen Bedarf an Energie und Wasser für die Herstellung und Nutzung von Trockenmilch zusammen, dann verfüttert man an die Hühner rund 20mal soviel Nahrung, als über Eier und Fleisch wieder herauskommt. Fazit: Die moderne Landwirtschaft eröffnet keinen Ausweg aus der Hungersnot, sie ist sogar eine Ursache für die weltweit zunehmende Hungersnot. Ebenso falsch wie der Umgang der modernen Landwirtschaft mit Tieren ist ihr Umgang mit den Pflanzen. Er krankt vor allem an einem Dogma: Schädlinge, ob es sich um Insekten, Milben, Nematoden, Pilze, Bakterien oder Viren handelt, werden als willkürliche, tollwütige Feinde dargestellt. Man richtet Meldedienste ein, um die Landwirtschaft rechtzeitig vor dem Anrücken der feindlichen Heere zu warnen. Kalender empfehlen vorbeugende Spritzungen gegen die vielen Feinde, die auftauchen könnten. Es wird gar nicht erst gewartet, bis tatsächlich eine Attacke stattfindet. Der Schädling, falls er kommt, soll gleich in einem vergifteten Feld umkommen. Aber der Schädling ist kein willkürlicher Feind. Wenn dem so wäre, gäbe es längst kein Leben mehr auf diesem schönen Planeten, gibt es doch keine Art von Lebewesen, die nicht ihre Parasiten oder Räuber hat. Blattläuse leben seit fast dreihundert Millionen Jahren. Nach der Auffassung der modernen Landwirtschaft hätten sie längst ihre Wirtspflanzen ausrotten müssen und wären dann selbst verschwunden. Doch

kein Erreger tötet seinen Wirt,

die Natur vernichtet sich nicht selbst. Die Tatsache, dass Blattläuse auch ihre natürlichen Feinde haben, erklärt nicht ausreichend, dass dem nicht so ist. Wer die Natur eingehend beobachtet, kann immer wieder sehen, dass sich eine Blattlauspopulation auch in Gegenwart ihrer natürlichen Feinde, zum Beispiel der Schwebefliegen oder der Marienkäfer, rasant ausbreitet, aber auch, dass eine starke Population auch in Abwesenheit der Räuber ganz plötzlich wieder in sich zusammenbricht. Auch Pilz-, Bakterien- oder Viruskrankheiten können sich ausbreiten oder zusammenbrechen, oft auf ein und derselben Pflanze, innerhalb kurzer Zeit.

Der Schädling ist nicht böse

und nicht unberechenbar. Er ist vielmehr ein Indikator, der uns sagt, dass eine Pflanze nicht in Ordnung ist. Im biologischen Landbau macht man immer wieder die Beobachtung, dass etwa ein organisch bewirtschaftetes Kartoffelfeld vom Kartoffelkäfer verschont bleibt, obwohl das konventionell chemisch behandelte Feld nebenan total befallen und nur noch mit Anwendung von Insektiziden zu retten ist. Franzis Chabboussou, ein französischer Biologe und Wissenschaftler im landwirtschaftlichen Versuchszentrum in Bordeaux, hat im laufe jahrelanger Beobachtungen und in Versuchen auf dem Feld und im Labor herausgefunden, wovon die Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegenüber Schädlingen abhängt. Das Ergebnis veröffentlichte er in seinem Buch „Pflanzengesundheit und ihre Beeinträchtigung“ (Verlag C. F. Müller, Karlsruhe): Die Resistenz einer Pflanze gegen Schädlinge hängt davon ab, ob sich der Stoffwechsel einer Pflanze im Gleichgewicht befindet oder nicht. Nur die in ihrer Ernährung unausgeglichene Pflanze wird angegriffen. Denn: Um auf den Wirtspflanzen gedeihen zu können, muss für die Schädlinge im Saft der Pflanze ein überhöhtes Angebot an wasserlöslichen Nährstoffen vorhanden sein, vor allem an Aminosäuren, Zucker und eine große Menge von mineralischen Nährstoffen. Unter dieser Bedingung können Schädlinge ihre eigenen, artspezifischen Eiweiße aufbauen und sich zügig vermehren, aber nur, solange der unnatürlich hohe Gehalt an Aminosäuren, Zucker und Mineralien nicht wieder abnimmt. Wenn dieses

Überangebot an wasserlöslichen Nährstoffen

nicht besteht, weil sich der Stoffwechsel einer Pflanze im Gleichgewicht befindet, dann verhungern Schädlinge zumeist – wenn sie überleben, dann können sie sich nicht mehr ausbreiten. In den meisten Fällen wird ein Schädling eine Pflanze in diesem Zustand gar nicht aufsuchen, sie zieht ihn nicht an, sie ist für ihn nicht schmackhaft. Diese Zusammenhänge erklären, warum die chemischen Keulen der modernen Landwirtschaft Schädlinge eher fördern als bekämpfen. Die moderne Düngung liefert hochkonzentrierte wasserlösliche Nährstoffe, die den natürlichen Stoffwechsel der Pflanzen aus dem Gleichgewicht bringen. Da diese Methoden die Ausbreitung der Schädlinge fördern, bietet die Industrie den Landwirten dann wieder Gegenmittel an, um jene Symptome zu bekämpfen, die bei natürlichem, organischem Anbau gar nicht aufgetreten wären. Die Pflanzen werden noch kranker – der Absatz an chemischen Produkten wächst.

Der Weg zu einer gesunden Landwirtschaft

führt in die entgegengesetzte Richtung. Dabei reicht es nicht, wie manche Biobauern nur auf harmlosere Schädlingsbekämpfungsmittel umzusteigen oder wie die Gentechnologie künstliche Pflanzen zu züchten, die gegen Schädlinge resistenter sind. Statt dessen müssen unsere Pflanzen und Tiere ideale Entwicklungs- und Wachstumsbedingungen erhalten. Wenn der Boden, der Standort, das Mikroklima und die Behandlung stimmen und die Pflanze einen ausgeglichen Stoffwechsel hat, kann kein Schädling ernsten Schaden anrichten, weil die Pflanzen stark und widerstandsfähig sind. Dies bedeutet jedoch, dass andere landwirtschaftliche Methoden angewandt und auch staatlich gefördert werden müssen: keine mechanische Gewalt am Boden, kein tiefes Pflügen; ausgeglichene „Ernährung“ der Pflanzen; richtige Fruchtfolge, um unerwünschte Naturkräuter zu vermeiden. In intakten natürlichen Ökosystemen gibt es keine Kunstdünger, keine chemischen Pflanzenschutzmittel, keine synthetischen Medikamente für die Tierwelt. Aber jedes Ökosystem bedeutet für das entsprechende Biotop die höchstmögliche nachhaltige Produktivität. Selbstverständlich können wir heute nicht mehr wie Jäger und Sammler aus der Steinzeit oder die noch überlebenden Indianerkulturen am Amazonas nur von intakten Ökosystemen leben. Wir können aber in unseren Kulturlandschaften sehr wohl danach trachten, maximale Produktivität bei maximaler Nachhaltigkeit zu erreichen. An Beispielen aus meinem Heimatland Brasilien fehlt es nicht: Im Bundesstaat Rio de Janeiro ist die Mehrzahl der Pflanzer von Ananas inzwischen dazu übergegangen, die chemischen Schädlingsbekämpfungsmittel durch Rinderharn (1:10 verdünnt) zu ersetzen – mit großem Erfolg. Die Verluste durch Schädlinge wurden ebenso geringer wie die Kosten der Pflanzer,

die Früchte sind köstlicher und haltbarer.

In anderen Regionen Brasiliens wurde inzwischen nachgewiesen, dass die organische Bodenbewirtschaftung bei Kaffee, Kakao und Zitrusfrüchten sehr schnell zu gesunden Pflanzen führt. Im Süden Brasiliens spritzt ein großer Obstbauer, der Guave anbaut, seit fünfzehn Jahren Molke aus der Käserei – 1:10 verdünnt. Die Pflanzen der Guave-Frucht entwickeln dunkelgrüne, ledrige Blätter. Die Früchte sind einwandsfrei und schmecken köstlich. Für einen Tankwagen Molke muss dieser Bauer so viel ausgeben wie früher für einen Kanister eines chemischen Schädlingsbekämpfungsmittels. Die Praxis im regenerativen Landbau hat längst gezeigt, dass es möglich ist, eine hohe landwirtschaftliche Produktivität mit einer giftfreien Anbauweise zu verbinden. In der sogenannten „Ersten Welt“ können mit regenerativen Methoden fast dieselben Erträge erzielt werden wie mit den Methoden der konventionellen Landwirtschaft. In der „Dritten Welt“ bedeutet jeder Schritt in Richtung regenerative Landbaumethoden weit höhere und sichere Erträge für die Landwirte, als mit den jetzt üblichen Methoden erzielt werden. Doch damit nicht genug: Jeder Schritt hin zu einer organischen Landwirtschaft schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Er hilft, die Menschen der Erde zu ernähren, ohne ihre Lebenswelt zu zerstören.

Zum Autor:

Josè Lutzenberger, 1926 im südbrasilianischen Porto Alegre geboren, Sohn deutscher Auswanderer (sein Vater stammt aus Altötting). Er studierte Bodenkunde und Agrarchemie in Brasilien und in den USA. 1957 ging er als Diplom-Landwirt und Techniker der Agrarchemie zur BASF nach Ludwigshafen. Von 1959 bis 1970 arbeitete Lutzenberger als Konzerndelegierter in Venezuela und Marokko. Er kennt die Probleme der Chemieindustrie als Insider und ist durch seine Tätigkeit zu einer völlig entgegengesetzten Auffassung zu den herrschenden Paradigmen der chemischen Industrie gelangt. Als Agraringenieur weiß er von den sozialen und ökologischen Problemen der brasilianischen Landwirtschaft aus eigener Anschauung. Josè Lutzenberger gehört zu den Begründern der brasilianischen Umweltbewegung und ist heute der bekannteste Ökologe Lateinamerikas.

1988 erhielt er für seine Verdienste im Kampf um die Erhaltung des Regenwaldes den „Alternativen Nobelpreis“ (Right Livelihood Award).

Von 1990 bis 1992 war Lutzenberger brasilianischer Umweltminister. 1995 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Wien.

Siegfried Pater ist Biograph und Freund von Josè Lutzenberger, hält für ihn über seine Arbeit Vorträge, hat einen Film über Lutzenberger gedreht, den er vorführt, verkauft und ausleiht.